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Le «ton» qui fait la musique !

Von den Besonderheiten historischer Instrumente, über ihre Perlen im Repertoire, hin zum revolutionären musikalischen Esprit des 19. Jahrhunderts: Els Biesemans spricht über die Welt der historischen Instrumente, ihr vielseitiges Schaffen und ihre zukünftigen Projekte.

Was ist dir beim Musizieren wichtig?

Meine Leidenschaft für die Alte Musik ist kein Zufall. Schon früh fühlte ich mich zur alten Musik hingezogen, setzte mich mit rhetorischen Figuren und geschichtlichen Hintergründen auseinander wie auch mit den technischen Möglichkeiten und den Besonderheiten des Anschlags, Atmens und Phrasierens. Harnoncourts Begriff der Musik als «Klangrede» wurde mir schon als Kind beigebracht – nämlich, dass Musik aus der «Deklamation» heraus entsteht, dass jede musikalische Figur einen Sinn hat, einen Inhalt.

 

Das Musizieren auf alten Tasteninstrumenten setzt den Zugang, d.h. den raschen Aufbau einer persönlichen Beziehung zum Instrument voraus. Die Tatsache, dass ich mich als Organistin immer wieder neuen Instrumenten anpassen musste, ist beim Spiel historischer Instrumente ein enormer Vorteil. So setze ich «die toten auf Papier geschriebenen Noten» in farbreiche Klänge um, und ich interpretiere, als würde ich dem Publikum aus einem Buch erzählen. Musik ist für mich aber kein «träumerisches Etwas» – genau wie die Sprache hat die Musik eine Bedeutung, besteht aus Silben und Konsonanten, hat eine eigene Grammatik.

 

Das Publikum erlebt in meinen Konzerten weit mehr als nur den Zauber der Klänge. Ich mag es zuweilen, an den Aufführungen über die Entstehung der Werke, den Komponisten, die Themen und Hintergründe zu erzählen. Zwar kann man nicht wissen, wie Mozart, Mendelssohn oder Schumann gespielt haben, aber man kann es erahnen: betrachtet man Mozarts Leben in seinen Briefen oder liest man Schumanns Schiften zur Musik – lernt man den Menschen näher kennen und kann dessen musikalische Gedanken besser nachvollziehen. 

 

Nun, welche sind denn die Besonderheiten der «alten» historischen Instrumente?  

Musik auf Originalinstrumenten zu spielen – und zu hören –, ist schon wegen der komplett anderen Bauart der Instrumente ein besonderes Klangerlebnis. Im Vergleich zu modernen Instrumenten bestehen die alten Flügel mehr aus Holz denn aus Metall, die Hämmer der Wiener Flügel sind mit Leder statt dickem Filz bezogen. Durch die ganz andere Bauart wirkt der Klang der Fortepiani weniger «diffus» als bei den modernen Flügeln. Die grosse Transparenz führt zu einem ganz anderen Klangerlebnis.

 

Im 19. Jahrhundert hat sich das Klavier, das aus dem Cembalo und dem Clavichord entstanden ist, explosiv entwickelt. Jede dieser Entwicklungsphasen brachte eine eigene Musik und eigene Instrumente hervor, die wiederum mit je anderen Klängen ausgerüstet waren und je andere Geschichten erzählen. Es handelt sich dabei um Instrumente, die nicht miteinander vergleichbar sind: Das Klavier, das Mozart gekannt hat, hat nichts mit einem Klavier zu tun, das Chopin gehabt hat – oder Liszt in seiner Spätzeit. Die Komponisten bedienten sich der Instrumente, die gerade en vogue und gerade vorhanden waren. Ganz offensichtlich spiegelt sich diese Entwicklung bei Beethoven wieder. Man hört in manchen seiner Klaviersonaten, wie er die Grenzen des Instruments sprengen und erweitern will, was dann nach und nach auch geschehen ist. 

 

Die Hammerklaviere gelten ja als leise…

Bei den ersten Klavieren war die Hörbarkeit anders als bei den heutigen Instrumenten. Damals waren die Instrumente nicht dafür gedacht, um Säle von 3000 Personen zu füllen. Man konzertierte im kleinen intimen Rahmen, die grössten Säle waren für höchstens 500 Zuhörer. Die Lautstärke historischer Instrumente ist nicht die, an die man sich heute gewöhnt ist. Hat man die Musik von Chopin auf einem alten Pleyel einmal gehört, ist es kaum noch möglich, sich wieder an den modernen Flügelklang zu gewöhnen.

 

Ich lasse mir vom Instrument erzählen, wo das Limit seiner Klangstärke ist. So erfahre ich, in welchem Rahmen ich mich bewegen kann. Zwar ist es ein viel kleinerer Rahmen als bei einem modernen Flügel, denn die alten Instrumente erreichen schnell ihre Grenze an Lautstärke; dafür hat man in diesem kleinen Rahmen unendlich viele Möglichkeiten. Die Musik der Romantik auf historischen Instrumenten gespielt, stösst heute auf zunehmendes Interesse. Die Reaktionen sind gut und das Publikum wächst. Es gibt mehr und mehr Begeisterte und Festivals, die sich der alten Musik widmen. In einer immer lauter werdenden Welt, mit aufdringlichen Ablenkungen, sind warme Klänge eine Wohltat für das Ohr…

 

Wie suchst du die Stücke für dein Repertoire aus?

Ich begrenze mich ungern auf ein bestimmtes Repertoire. Meine Herausforderung besteht hierin: Wenn das Repertoire auf dem richtigen Instrument gespielt wird, kommt eine neue Dimension dazu, es ist, als rücke man die Vergangenheit in die Gegenwart, durch das Instrument und durch die Musik.  

Die Idee, wie durch das alte Instrument die Vergangenheit zur Gegenwart, zur Realität wird, nah und greifbar und nicht mehr so weit weg, verrät vielleicht auch das Gespür für die Ewigkeit, für etwas Höheres, das alles verbindet. Für mich ist es deshalb so bewegend, die alten Instrumente klingen zu lassen, und die Klänge, die im Instrument drin sind, im Hier und Jetzt zu befreien und zu erleben: wir machen nur eine Tür auf, und dahinter steht schon alles.

 

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Ausgraben von «Perlen», von unbekannten Partituren und Transkriptionen, oder von Werken wenig bekannter Komponisten.

 

Welchen Esprit enthalten die Pleyels, Brodmanns, Érards?

Ferdinand Hiller, ein Zeitgenosse und Freund von Chopin, schrieb, das 19. Jahrhundert sei von Musik und musikalischen Ideen geradezu explodiert. Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Komponisten eine unerschöpfliche Ausdruckskraft und Kreativität gehabt. Chopin, Schumann, Liszt, Mendelssohn sind alle um 1810 geboren. Zusammen mit Beethoven haben sie alle eine völlig neue musikalische Sprache erfunden. Sie waren Revolutionäre. Und sie sind es bis heute noch. Faszinierend sind für mich die Ursprünge dieser Sprachen. Wie neu und revolutionär die Musik war, als sie gerade entstand, ist der Esprit, der Geist, den ich vermitteln will. Dazu helfen mir die Instrumente aus der Zeit.

 

Deine nächsten Projekte?

Nicht zufällig gehört, neben meiner solistischen Karriere, das Ensemble «Elsewhere» zu meinen aktuellsten Projekten. Wie der Name sagt, geht es bei «Elsewhere» darum, Musik aus einer anderen Zeit und einem anderen Zeitgeist in die heutige Zeit zu bringen. Wie durch eine Zeitmaschine! Es geht dabei um Musik, die man sonst nirgendwo mehr hört.  

Dazu hat sich meine Klaviersammlung vor kurzem erweitert. Durch einen glücklichen Zufall bin ich in den Besitz eines Originalflügels von Joseph Brodmann aus ca. 1825 gekommen, der zusammen mit Conrad Graf und Nanette Streicher zu den allerbesten Instrumentenbauern Wiens gehörte. Eine Beziehung mit diesem Instrument aufzubauen, ist ein sehr aufregendes Abenteuer!

 

© 2017 Els Biesemans & Claudia Rettore

Els Biesemans talks about the world of period instruments, her wide range of activities and upcoming projects: from the unique characteristics of period instruments and the outstanding pieces in her repertoire to the revolutionary musical esprit of the 19th century.

What is important to you when playing music?

My passion for old music did not come about by mere chance. I felt drawn to it early on, studying rhetorical figures and historical backgrounds as well as the technical potential and peculiarities of key attack, pauses and phrasing. I was taught as a child that ‘music is like speech’, a concept based on Harnoncourt’s  description of music as Klangrede meaning that it comes into being through a “declamation” and that every musical figure has a meaning and content.

When you play period instruments you swiftly develop a personal relationship with the instrument concerned. As an organist I was constantly having to adapt to new instruments, which gave me a huge advantage when playing historical instruments. I would transform the “dead notes written on paper” into colourful sounds, interpreting them as if I were reading out loud from a book to my audiences. To me music isn’t a “dreamlike abstraction” – just like a language it has a meaning, it is made up of syllables and consonants and has its own grammar.

Audiences at my concerts experience much more than just the magic of sounds. During my performances I occasionally talk about how the works came into being, about the composers, themes and backgrounds. Obviously we cannot know how Mozart, Mendelssohn and Schumann actually played, but we can take a good guess. By observing Mozart’s life through his letters or reading Schumann’s writings on music, you get to know them more closely and acquire a greater understanding of their musical thought. 

So what are the peculiarities of “old” historical instruments?  

The sound experience is entirely different when music is played on original instruments, also because of the completely different building technique involved. Unlike modern instruments, old pianos are made mainly from wood rather than metal, and the hammers of Viennese pianos are covered in leather instead of thick felt. Due to their completely different construction technique, the sound of the Fortepiano is less expansive than that of modern pianos. Its great clarity creates a completely different sound experience.

In the 19th century the piano, which evolved out of the harpsichord and clavichord, underwent dramatic developments. Each of these phases of development produced its own characteristic music as well as instruments producing different sounds and telling different stories. These instruments cannot be compared to each other. The piano that Mozart was familiar with was nothing like the piano owned by Chopin or by Liszt in his late period. Composers would use the instruments in vogue at the time and that happened to be available. This development is clearly reflected in Beethoven’s work. In some of his piano sonatas you can hear him attempting to break down and push forward the boundaries of this instrument, something that he would gradually succeed in doing. 

The fortepiano is generally considered to be a quiet instrument…

The audibility of the early pianos was completely different to that of modern instruments. The instruments of that time were not designed to fill halls with capacities of 3000 people but were created for small intimate settings with the largest rooms seating no more than 500. The sound produced by historical instruments is not nearly as strong as that of the instruments we are used to hearing. Once you have heard Chopin’s music being played on an old Pleyel you will struggle to get used to the sound of modern pianos again.

I wait for the instrument to tell me what the limits of its sound strength are. This allows me to discover the range within which to move. This range is far smaller than that of a modern piano because old instruments soon reach the limits of their sound strength. However, this small range offers an infinite number of possibilities. Today there is a growing interest in Romantic music played on historical instruments. The response has been positive and the audience for this music is increasing. There are more and more enthusiasts and festivals dedicated to old music. In an increasingly loud world with more and more insistent distractions, it is a pleasure to listen to these warm sounds 

How do you choose the pieces for your repertoire? 

I dislike limiting myself to a particular repertoire. The challenge I face is as follows: by playing a repertoire on the right instrument it acquires a new dimension, as if you were using the instrument and its music to push the past into the present.

The idea that old instruments can turn past into present, into an immediate, tangible reality that is no longer distant also emerges from the sense of eternity, of something higher tying everything together. That is why I find it so moving to play old instruments, freeing the sounds that they contain, releasing and experiencing them in the here and now: we just open the door and find everything just waiting there.

Another important aspect for me is when you dig up “pearls” in the shape of unknown scores or transcriptions or works by little-known composers.

How would you describe the ésprit of an instrument built by Pleyel, Brodmann or Érard?

Ferdinand Hiller, a contemporary and friend of Chopin, described the 19th century as an explosion of music and musical ideas. Composers in the mid-19th century had an endless capacity of expression and creativity. Chopin, Schumann, Liszt and Mendelssohn were all born around 1810. Together with Beethoven they invented an entirely new musical language. They were revolutionary for their times. And even for our times. I am fascinated by the origins of these languages. My aim is to communicate this spirit, the novelty and revolutionary nature of this music. And I do so with the help of instruments from those times.

Can you tell me something about your next projects?

It is no coincidence that one of my most interesting new projects, alongside my solo career, is the Ensemble Elsewhere. As the name suggests, Elsewhere involves bringing music from another time and with another Zeitgeist  to our time. Like a time machine! Doing so by playing music that is not being played anywhere else today.

For this reason I recently expanded my piano collection. Through a fortunate coincidence I managed to acquire an original piano from around 1825 by Joseph Brodmann who was considered one of Vienna’s leading piano builders along with Conrad Graf and Nanette Streicher. I am finding it very exciting to build up a relationship with this instrument!

© 2017 Els Biesemans & Claudia Rettore

INTERVIEW

LA TRIBUNE DE L'ORGUE
(FR)